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Evakuierung von Flüchtenden aus der Ukraine – Neuigkeiten des Projekts “Exit Bus”

Mit dem Projekt „Exit Bus – Safe passage for all“ ermöglichen wir Menschen aus der Ukraine eine sichere Ausfahrt aus dem Kriegsgebiet, und bringen dringend benötigte Sachspenden in die Ukraine. Seit Beginn des Projekts im März haben sich die Strukturen immer weiterentwickelt. Mit den Serien „Memos from Borders“ und „Updates – Support for Ukraine“ teilen wir Informationen über die aktuelle Situation vor Ort auf Instagram und Facebook.

Seit Ende März ist Blindspots an der slowakischen Grenze in Ubl‘a vor Ort. Dort haben wir gemeinsam mit @humanitarni_koridor_ukrajina ein Logistikzentrum und Lagerhaus aufgebaut, das als Zentralstelle dient. Wir sind damit ein wichtiger Standort im Korridor zwischen der Ukraine und der EU. Von Ubl‘a fährt ein Team aus größtenteils ukrainischen Fahrer*innen verschiedene Städte mit Sachgütern an und bringt Menschen aus dem Land in Sicherheit. Viele Menschen aus der Ukraine bleiben im Land und bauen ein Versorgungssystem für abgeschnittene Orte in den Karpaten und im ukrainischen Hinterland auf. Diese haben aktuell keinen Zugang zu humanitären Gütern und es fehlt an Lagerflächen. Über Netzwerke und Bekanntschaften haben sich inzwischen immer mehr Menschen zusammengefunden, die in der aktuellen Situation unterstützen möchten. Gemeinsam mit unseren Partner*innen in Deutschland, Tschechien und der Slowakei und lokalen Strukturen in der Ukraine haben wir einen soliden logistischen Rahmen für die Lieferung dringend benötigter Güter aufgebaut. Es wurden kleine Lagerhäuser in der Ukraine eingerichtet, damit die Exit-Busse nicht täglich zurück in die Slowakei müssen. Über Bedarfslisten fahren sie dann die entsprechenden Orte mit Sachspenden an. 

Ein Rückblich auf die vergangenen Monate und ein kleiner Ausblick:

März 2022 – Aufbau der Projektstrukturen und Infrastruktur vor Ort, erste Evakuierungsfahrten und Spendenauslieferungen

In Ubl’a hat die Gemeinde nach Ankunft der Exit-Busse und Freiwilligen, die das Logistikzentrum aufbauen, ein kleines Haus zur Verfügung gestellt. Die Baucrew konnte alles auf Vordermann bringen, sodass es nun bewohnt werden kann.

Abseits der kleinen abgesicherten Korridore durch die Karpaten, fahren die Exit-Busse auf Abruf Städte an, um Leute zu evakuieren. Die meisten von ihnen wollen in die Berge oder in die ukrainische Grenzstadt Uschhorod. Diese Stadt gilt als sicher, weil sie sich im 20km-Grenzbereich der Nato befindet. Die erste Direktverteilung von Sachgütern fand in einem Dorf in der Nähe von Uschhorod statt, in dem vorwiegend Menschen der Roma Community leben. Über 300 Familien konnten wir so in den ersten Tagen mit 300 Säcken Grundnahrungsmitteln versorgen. Vor Ort wurde außerdem ein Lagerhaus errichtet, von dem die Familien eine Selbstverteilung organisieren können. 

Zwei Transporter zur Evakuation von Flüchtenden in der Ukraine
Blindspots konnte in Kooperation mit Spender*innen und kooperierenden Organisationen mehrere 9-Sitzer und zwei große LKWS finanzieren, die nun mit Hilfe von mehreren Fahrer*innen in der Ukraine verschiedene Standorte anfahren, um Menschen zu evakuieren und Städte und Dörfer mit dringend benötigten Sachgütern zu beliefern.

April 2022 – Busse, LKWs, Eisenbahn und die Post: Ausbau von Logistik und Kooperationen

Die ersten April-Wochen in Ubl’a waren sehr ereignisreich. Zu Beginn hatten wir mit schlechtem Wetter zu kämpfen. Glücklicherweise gab es keine großen Schäden. Es trafen die ersten Lastwagen aus Deutschland mit Paletten von Lebensmitteln bei uns ein. Dank der Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung konnten wir diese entladen, die Hilfsgüter lagern und die Lebensmittel verteilen. Unser Fuhrpark hatte sich um einen roten Lieferwagen erweitert, den wir von einem Freiwilligen erhalten haben. Wir begannen auch andere Transportmittel zu nutzen wie das Eisenbahnnetz und die Post. Das Postsystem funktioniert auch während Kriegszeiten relativ verlässlich, sodass wir Lieferungen sicherstellen können. 

April 2022 – Arbeit on the ground: Exit-Busse und Sachspenden dringen bis an die Kriegsfronten vor

Mitte April war die wichtigste Spendenauslieferung der Transport zwei Bussen mit Lebensmitteln nach Buča, nachdem dort die russischen Truppen abgezogen sind. Buča liegt im Nordwesten Kyjivs an der strategisch wichtigen Bahnlinie Brest – Kyjiv und hat ca. 36.000 Einwohnende. Nach schweren Kämpfen Ende Februar wurde die Stadt am 5. März von russischen Truppen eingenommen, ab dem 8. März gab es kein Wasser oder Strom mehr und es wurde von Plünderungen berichtet. Über den gesamten März erreichten immer wieder Berichte, Fotos und Videos von Vergewaltigungen, Hinrichtungen und selektive und wahllose Eskalationen von Gewalt die Öffentlichkeit. Die Überlebenden vor Ort, vor allem viele alte Menschen, sind nun traumatisiert von den Kriegsverbrechen und befinden sich in sehr schlechten Versorgungssituationen.

Sachgüter werden sowohl im Logistikzentrum in Ubl’a, Slowakei als auch in den kleineren Spendenlagern in der Ukraine neu gepackt, um bedarfsgerecht weitertransportiert zu werden: in den Exit-Bussen, mit der Post oder in ukrainischen Zügen.

In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und zivilen Freiwilligen ist es uns gelungen, ein weiteres Lager in Prag einzurichten, in dem Waren und Spenden gelagert werden, bevor sie in die Slowakei und von dort in die Ukraine transportiert werden. Auch konnten wir Sachspenden per Zug nach Kyjiv schicken. Ein Zug, der direkt an die Kriegsfront fuhr, war gefüllt mit Lebensmitteln und Schlafsäcken. Ein anderer ging an Kirchen, die Geflüchtete beherbergen, an eine unterirdische Entbindungsklinik und an ein Tierheim. Seit Ende April besteht außerdem eine Kooperation mit MVI (Medic International Volunteers), sodass wir Pharmazeutika entgegennehmen und weitergeben können. 

April 2022 – Volunteer work und Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Strukturen

Wir knüpften Kontakte mit der slowakischen Niederlassung von People in Need und anderen kleineren NGOs, die im Ausland tätig sind. Wir haben außerdem mit dem Einsatz einer Software begonnen, die uns online einen Überblick über die Warenbewegungen, die Transporter und die Kapazität der Lagerhäuser gibt. Neben den logistischen Herausforderungen ist es auch ein konstanter Prozess, gegen die sich ständig ändernden Formalitäten der Grenzübergangsrichtlinien anzuarbeiten. Die Ukraine hatte zum Beispiel im April die steuerlichen Einführungsbedingungen für KFZ gesenkt, was zu tagelangem Stau an der Grenze führte. Als humanitäre Transporte durften wir jedoch die Grenzkontrollen überspringen und waren nur bedingt davon betroffen.

Das Spendenlager in Ubl‘a an der slowakisch-ukrainischen Grenze. Hier kommen Sachgüter aus ganz Europa, v.a. Deutschland und Tschechien an und werden sortiert, um mit den Exit-Bussen in die Ukraine transportiert zu werden.

Am Osterwochenende gingen einige Freiwillige in die heilige Messe und besuchten anschließend das Kloster. Die Nonnen dort helfen den Menschen, die vom Krieg betroffen und in ihrer Stadt untergebracht sind und schicken Waren in den Osten. Das Team an der slowakisch-ukrainischen Grenze war inzwischen zu einer großen Gruppe von Freiwilligen aus verschiedenen Ländern angewachsen. Abseits der alltäglichen Arbeit gab es für die Menschen, die in Ubl’a vor Ort sind, auch ein wenig Abwechslung durch die Theatergruppe La Putyka aus Prag, die mehrere Aufführungen für Kinder in Mukatschewo gegeben hat.

Ende April durften wir in Ubl’a ein weiteres Haus beziehen, das uns von solidarischen Nachbar*innen gegen Wartungsarbeiten und Nebenkosten zur Verfügung gestellt wurde. Nach Wochen auf engem Raum haben wir nun mehr Platz und einen kleinen Garten. In unserem bisherigen Haus in Ubl’a wurden in den letzten Wochen Klempnerarbeiten durchgeführt. Alle Helfer*innen arbeiten fleißig daran, das Haus bewohnbar zu machen. Außerdem kommen immer neue Freiwillige an und es kehrten auch einige Menschen zurück, die bereits hier vor Ort waren, um uns erneut zu unterstützen. Die Freiwilligen vor Ort haben unterschiedliche Motivation, warum sie unterstützen und bringen unterschiedlichste Kompetenzen mit– eins haben alle gemeinsam: sie haben das Bedürfnis, einen Beitrag in der Unterstützung von Menschen in Krisen zu leisten.

Mai 2022 – Zusammenarbeit mit Odessa und konkrete Evakuierungen aus Kriegsgebieten

Wir kooperieren seit Mai mit Strukturen aus Odessa, zu denen wir unseren 20-Sitzer zum Evakuierungseinsatz überführt haben. Die Überführung des Fahrzeugs musste auf der Strecke pausiert werden, weil landesweit starke Luftangriffe gemeldet wurden. Die Fahrt konnte aber früh morgens fortgesetzt werden und der Bus ist sicher in Odessa eingetroffen. Er wird nun dort von @help.ua.people genutzt, um jeden Tag Menschen aus Cherson und Mikolajiw nach Odessa zu evakuieren, wo sie in lokalen Strukturen versorgt werden. Insbesondere in Cherson, das seit Anfang März unter russischer Besatzung steht, ist die Lage für die Bevölkerung dramatisch. Es herrscht große Angst vor Gewalteskalationen gegenüber der Bevölkerung, wie es zuletzt in Buča geschehen ist. 

Eine besonders prägende Aktion war die Evakuierung von rund 20 Personen aus der Kleinstadt Snihuriwka in der Nähe von Cherson, wo die Einfahrt eigentlich verboten ist und die Situation vor Ort von Luftangriffen geprägt ist. Unsere Exit-Busse können die Städte nicht passieren. Deshalb werden Lebensmittel mit dem Bus an den Stadtrand gebracht und in Transportmittel von lokalen Fahrer*innen, die dabei teilweise ihr Leben aufs Spiel setzen, umgeladen. So können Hilfsgüter auch in die abgeschottete Stadt hineingebracht werden. Den Menschen, die die Stadt verlassen möchten, wurden GPS-Koordinaten außerhalb der Stadt auf Feldwegen und Wäldern gesendet, sodass sie dort aufgesammelt und evakuiert werden konnten. 

Neben Spendensortierung, Logistik und Medienarbeit sind die Freiwilligen vor Ort auch mit Reparaturen und Instandhaltungen beschäftigt: als Gegenleistung zur Gastfreundschaft und der Möglichkeit, von der Gemeinde Ubl’a ein Haus zur Verfügung gestellt zu bekommen, werden dort handwerkliche Arbeiten getätigt.

Ende Mai 2022 – Ausblick

Insgesamt konnten in den ersten Monaten mit den Exit-Bussen bereits über 300 Menschen aus Krisengebieten evakuiert werden und eine Vielzahl von Sachgütern transportiert werden. Das Projekt „Exit-Bus“ ist auch weiterhin in vollem Gange. Es werden Dörfer wie z.B. Bereznyj, ein Kloster sowie mehrere Kirchen in Uschhorod regelmäßig mit Essen und Hilfsgütern beliefert.
In Butschazkyi haben wir begonnen ein neues Lager zu errichten. Diese kleine Stadt unweit von Iwano-Frankiwsk wird ein weiteres Zentrum in der Ukraine zur Weiterverteilung von Hilfsgütern im ganzen Land. Die Bauarbeiten und Spendenorganisation im Logistikzentrum in Ubl’a sind ebenfalls ein konstanter Prozess, um die Strukturen aufrecht zu halten. 

Unser Team vor Ort wurde von @rosiegoesproject erweitert, ihren aktuellen Bericht über die Situation vor Ort Ende Mai findet ihr auf unserem Blog: blindspots.support/en/blog-en/update-21-05-support-for-ukraine/. Für weitere Updates zur Lage vor Ort wird es wie bisher Beiträge auf unserem Instagram-Kanal geben. Du möchtest das Projekt unterstützen? Spenden sind über unsere Kontoverbindungen oder via PayPal möglich. Bei Fragen schreibt an: donation@blindspots.support.

Wir empfehlen, auf jeden Fall Kontakt zu lokalen Organisationen aufzunehmen, bevor ihr Sachspenden spendet oder selbst eine Reise antretet. Wir können auf Anfrage Kontakte und Netzwerke vermitteln. Kontaktiert uns gerne: info@blindspots.support 

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