#solidaritywithoutborders

Die Situation in Bosnien und Herzegowina

Der Kurzfilm “NEAR OUR BORDER” von Martina Troxler und Pina Miggelbrink von Blindspots thematisiert die systematischen gewaltvollen und illegalen Pushbacks des kroatischen Grenzschutzes und gibt einen Einblick die Lebenssituation von People on the Move und der lokalen Bevölkerung im bosnisch-kroatischen Grenzgebiet.

Unsere Arbeit auf der südlichen Balkanroute in Bosnien hat unseren Verein und unsere Arbeitsweise maßgeblich geprägt. Diese Erfahrungen kennzeichnen einen Einschnitt in unser Leben und wie wir die EU wahrnehmen.

 

Was sich 2020 in Bosnien vor unseren Augen abspielte, bezeichneten die Medien als humanitäre Katastrophe, wir als politisches Verbrechen. Wir wurden täglich zu Zeug*innen von Misshandlungen, sexuellen Übergriffen und Foltermethoden, mit denen die kroatische Grenzpolizei im Namen der EU Menschen das Recht auf Asyl verwehrte. Darüber hinaus beobachten wir, wie systematisch an der Erzeugung und dem Erhalt dieser Krise gearbeitet wurde.

Folge dieser brutalen und völkerrechtswidrigen Zurückweisungen war ein massenhafte Obdachlosigkeit der Betroffenen auf den Straßen Bosniens. Aus dieser Not übernachteten entlang der Grenze viele Schutzsuchende in alten Fabriken, Ruinen oder in selbstgebauten Zelten im Wald. Diese Situation ist insbesondere für Kinder in der Wintermonaten lebensgefährlich. Jeder Kontakt zu Betroffenen durch Aktivist*innen, Journalist*innen und Mediziner*innen wurde durch die örtliche Polizei kriminalisiert

 

Ein Tiefpunkt der damaligen Entwicklungen war die Einrichtung einer militärischen Zone um einen Ort, der einer Vielzahl geflüchteter Familien Zuflucht bot. Mit dem Ziel der Vertreibung wurde durch die Polizei jede Form von Unterstützung unmöglich gemacht: Sie kontrollierten alle Zufahrtswege, verhafteten Menschen und verbreiteten Angst. Weil die Familien sich weigerten, die Zone zu verlassen, wir als Organisation jedoch keinen Zutritt mehr hatten, entwickelten wir ein verstecktes Versorgungssystem, das sowohl eine Versorgung mit Lebensmitteln, als auch medizinische Hilfe möglich machte.

Der bosnische Grenzkanton Una-Sana ist ein zentraler Ort auf der sogenannten westlichen Balkanroute¹ in die Europäische Union (EU). Wir agieren in der Region um Velika Kladuša, die direkt an der Grenze zu Kroatien liegt und sich in den letzten Jahren zu einem Ort der humanitären und politischen Krise entwickelt hat.

 

People on the Move² müssen unzählige Versuche unternehmen, um die Grenze in die EU zu überqueren. Jeden Tag erleben Menschen gewaltsame Pushbacks³, bei denen sie durch den kroatischen Grenzschutz illegal von Kroatien nach Bosnien “zurückgeschoben” werden und ihnen das Recht auf einen Asylantrag verwehrt wird. Dabei sind sie körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Diese Grenzgewalt ist an der bosnisch-kroatischen Grenze alltäglich: Wertsachen werden beschlagnahmt und zerstört, Menschen werden misshandelt, dazu gezwungen sich zu entkleiden und ihre Kleidung und Schuhe werden anschließend verbrannt. 

 

Das Recht auf Asyl, körperliche Unversehrtheit und die Würde der Menschen sind nicht verhandelbare Menschenrechte und gelten für alle Menschen. Zu diesen Grundsätzen hat sich auch die EU rechtlich bekannt. Die Duldung und Durchführung von Pushbacks und struktureller Gewalt gegen People on the Move zeigt jedoch, dass die EU bewusst Menschenrechtsverletzungen an ihren Grenzen toleriert und finanziell unterstützt. 

 

Angesichts der massiven Aufrüstung des europäischen Grenzschutzes sind viele Menschen unfreiwillig gezwungen, für Wochen, Monate und teilweise Jahre im bosnischen Grenzkanton Una-Sana zu bleiben. Sie befinden sich ohne angemessene Unterstützung in einer Art „Sackgasse”, aus der es keinen Ausweg gibt. 

 

In der Region um Velika Kladuša  leben viele People in the Move in sogenannten Squats⁴. Diese sind in vielen Fällen baufällige Ruinen oder selbstgebaute Zelte, die jeglichen Wind- und Wetterbedingungen  ausgeliefert sind. Im Winter bedeutet das eine lebensbedrohliche Kälte bei bis zu -20 Grad und bei Hitzewellen im Sommer werden Temperaturen von bis zu 40 Grad erreicht. Die meisten Squats haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, sanitären Anlagen und der Entsorgung von Müll, wodurch Krankheiten und Konflikte mit Anwohner:innen entstehen. Trotz der prekären Lebensbedingungen entscheiden sich People on the Move dafür, selbstbestimmter in Squats, anstatt in staatlich finanzierten Camp-Strukturen zu leben.

Wir erkannten drei Ebenen auf denen wir nachhaltig wirksam sein konnten:

 

  1. Versorgung von Wärme durch den Bau inkl. Installation von XX Öfen und die Sanierung von über 40 Squats.
  2. Dokumentation von systematischer Gewalt durch Beitritt des Border Violence Monitoring Networks.
  3. Schaffen von regierungsunabhängigen Versorgungssystemen durch Netzwerkarbeit. Medical Volunteer International unterstützte durch die medizinische Versorgung der Betroffenen.

Diese Beispiele sind charakteristisch für unsere Arbeit. Denn wir sind flexible Organisation, die unbürokratisch arbeitet.

Wir fordern Bewegungsfreiheit, sichere Fluchtrouten und das Ende jeglicher Formen von Gewalt und Ungerechtigkeiten, verantwortet durch das Migrationsregime der EU!

Wir unterstützen People on the Move direkt und solidarisch und verbessern so ihre Lebensbedingungen im bosnischen Grenzkanton Una-Sana. Indem wir dazu beitragen, dass die Menschen ihre Grundbedürfnisse decken können, erhöhen wir ihre Sicherheit und Autonomie. Außerdem dokumentieren wir die Diskriminierung und die systematische Grenzgewalt und machen sie öffentlich sichtbar.

 

Wir arbeiten eng mit lokalen und internationalen Supportstrukturen zusammen und binden die lokale Bevölkerung in unsere Arbeit mit ein.

Holz- & Ofenprogramm

Blindspots schweißt und verteilt mobile Öfen, verbaut feste Öfen und verteilt Brennholz an People on the Move in Squats. Dadurch können die Bewohner:innen der Squats sich selbstständig mit Essen versorgen und sich vor dem Kältetod in Winter schützen. 

Bau und Sanierungsarbeiten in Squats

Blindspots führt in Squats bauliche Maßnahmen, wie der Einbau von Türen, Fenstern und Solarpanels durch. So werden Räumlichkeiten isoliert, ein Minimum an Privatsphäre gewährleistet und die Autonomie der People on the Move gestärkt.

Wash-Strukturen

Blindspots baut WASH-Strukturen (Water, Sanitation & Hygiene: WASH) wie provisorische Duschen und Toiletten in Squats ein, ermöglicht den Zugang zu sauberem Trinkwasser und stellt die Logistik zur Entsorgung von Müll. Damit werden Krankheiten eingedämmt und Konflikte mit Anwohner:innen reduziert. 

Dokumentation von Grenzgewalt und interner Gewalt

Blindspots ist Mitglied des Border Violence Monitoring Network. Durch qualitative Interviews mit People on the Move werden Zeugenaussagen zu Grenzgewalt und interner Gewalt dokumentiert und in der Datenbank des Netzwerkes gesammelt. 

Unsere Partner:innen

Das Border Violence Monitoring Network (BVMN) ist ein unabhängiges Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen, die hauptsächlich in den Balkanregionen und Griechenland ansässig sind. Es dokumentiert Menschenrechtsverletzungen an den Außengrenzen der Europäischen Union und setzt sich für ein Ende der Gewalt gegen Menschen auf der Flucht ein.

Collective Aid ist eine unabhängige, von Freiwilligen geführte Organisation, die sich um die sich ständig ändernden Bedürfnisse von Geflüchteten und Migrant:innen in ganz Europa kümmert.

ComPass Community Center

Die Community Center ComPass 071 Sarajevo und ComPass 077 Bihać unterstützen Menschen in Not, die vor Ort leben oder sich auf der Durchreise befinden.

Daily Integration Center INTERGreat ist eine zivilgesellschaftliche Organisation, die Asylsuchende und Geflüchtete bei der gesellschaftlichen Integration in Sarajevo (Bosnien und Herzegowina) unterstützt. 

Das frachcollective versteht sich als selbstverwaltetes basisdemokratisches Kollektiv, welches den Zugang zu Grundbedürfnissen wie Nahrung, sanitäre Anlagen und medizinischer Versorgung für Menschen auf der Flucht ermöglichen will.

No Name Kitchen versteht sich als unabhängige Bewegung, die entlang der Balkanroute und der Mittelmeerroute tätig ist, um humanitäre Hilfe und politische Aktionen für Menschen auf der Flucht zu leisten. 

Medical Volunteers International erfüllen die primären gesundheitlichen und medizinischen Bedürfnisse von Geflüchteten und Menschen in Not in Griechenland und Bosnien und Herzegowina. 

Rahma ist gemeinnützige humanitäre Organisation, die Menschen in schwierigen Lebenssituation in und um Velika Kladuša (Bosnien und Herzegowina) mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt. 

Glossar & Quellen

Die Balkanroute ist die Wegstrecke von Westasien in die EU. Seit Jahrhunderten wird diese Route für Handel- und Warentransfer, als Reiseroute – und auch von Menschen auf der Flucht genutzt. Die Balkanroute als “Fluchtkorridor” existierte somit bereits vor den Migrationsbewegungen 2015 und der damit verbunden medialen Aufmerksamkeit. Aufgrund politischer Bestrebungen durch einzelne Staaten und der EU, insbesondere der stärkeren Kontrollen und Militarisierung von Grenzen, verschiebt sich die Route dynamisch. Menschen auf der Flucht sind immer wieder gezwungen andere Wege in die EU zu wählen. Trotz Repressionen, Gewalt und Kontrollen an den Grenzen, versuchen Menschen weiterhin die EU über die Balkanroute zu erreichen. Eine Grenzschließung für Flüchtende ist praktisch nicht umsetzbar, setzt diese aber einem extrem hohen Risiko für Gewalt aus.

 


https://balkanbruecke.org/entwicklung-der-balkanroute/
https://www.borderviolence.eu/background/

Die Bezeichnung „People on the Move“ versucht die Kategorisierung von Menschen als „Geflüchtete:r“ oder „Migrant:in“ als eine homogene Masse zu umgehen. Stattdessen soll deutlich gemacht werden, dass es sich um Menschen und individuelle Personen handelt.

 


https://balkanbrueckesupports.org/erklaer-abc-o/
https://www.unhcr.org/admin/hcspeeches/48873def4/people-move-challenges-displacement-21st-century-international-rescue-committee.html

Der Begriff “Pushback“ bezeichnet völkerrechtswidrige, staatliche Maßnahmen, bei denen flüchtende und migrierende Menschen – meist unmittelbar nach Grenzübertritt – „zurückgeschoben“ werden, ohne die Möglichkeit einen Asylantrag zu stellen oder deren Rechtmäßigkeit gerichtlich überprüfen zu lassen. Während dieser systematischen Übergriffe durch Vertreter:innen des europäischen Grenzschutzes kommt es zu Androhung und Verwirklichung von körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt. Auch wenn nicht alle Pushbacks physischer Gewalt umfassen, sind alle Pushbacks eine Form von Gewalt, die internationales Recht bricht.

 


https://www.ecchr.eu/glossar/push-back/

Als “Squats” werden Orte bezeichnet, in denen People on the Move abseits der staatlichen Camp-Strukturen notdürftig Zuflucht finden. Dies sind typischerweise verlassene Häuser, leerstehende Fabrikgebäude oder aus Planen gebaute Zelte. Aufgrund des Bürgerkrieges in den 90er Jahren und der damit verbundenen Abwanderung ins Ausland sind diese verlasse Orte überall im bosnischen Grenzkanton Una-Sana zu finden.

 


https://balkanbruecke.org/folgen-der-abschottungspolitik/
https://www.infomigrants.net/en/post/31073/we-live-like-animals-migrants-stuck-in-bosnia-say

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