Tomorrow we go game

Juni 2021. Der Winter ist vorbei, die Sperrzone besteht weiterhin. Entlang einer Straße, die zur bosnisch-kroatischen Grenze führt, stehen einige wenige, von Bosnier*innen bewohnte Häuser. Dazwischen, inmitten schönster Natur, Ruinen. Halb verfallen oder halb fertiggestellt – je nach Blickwinkel.

Und Zelte. Vor, hinter und neben den Ruinen. Der nächste Supermarkt ist ca. 1,5h zu Fuß entfernt.

Sperrzone heißt, dass nur Einwohner*innen die Straße passieren dürfen. Keine NGOs oder andere unterstützende Strukturen. Die gesetzliche Grundlage dafür ist uns unbekannt und auch auf Nachfrage nicht herauszufinden. Umso härter wird das Durchfahr-Verbot durchgesetzt.

Vor zwei Wochen bewohnten noch bis zu 350 Menschen, hauptsächlich aus dem Iran und Afghanistan, diesen Ort. Unter ihnen besonders viele Familien mit Kindern, da für sie die Nähe zur Grenze besonders wichtig ist. Auch die Kinder müssen den Weg schließlich zu Fuß zurücklegen. „In three nights to Zagreb“, erzählen sie. „Aufs game gehen“ bedeutet nachts durch den „jungle“, die Wälder, die Grenze unbemerkt zu überqueren. Tagsüber schlafen und Kraft tanken.

In den meisten Fällen verläuft das „game“ so, dass die kroatische Polizei die Gruppen findet, ihre Habseligkeiten wegnimmt, zerstört oder verbrennt und sie dann wieder hinter die Grenze nach Bosnien bringt. Oft werden sie auch verprügelt, mit Waffen bedroht oder Elektroschocks ausgesetzt. Diese sog. Pushbacks sind illegal. Aber wie kann das Unrecht dokumentiert werden, wenn die Beweismittel vernichtet werden? Zurück auf Los und wieder von vorn.

Ungefähr einmal im Monat wird die Region von der bosnischen Polizei geräumt, das letzte Mal vor 10 Tagen. Dann kommen zwei Reisebusse, sammeln Menschen ein und bringen sie nach Bihac ins Camp. Wer sich versteckt, kann Glück haben und wird nicht entdeckt.

Der Ort, an dem sich die Zelte wie Häuser dichtbebauter Städte aneinanderdrängten, ist nun verwaist. Ein paar schwarze Flecken bezeugen die Feuer, die entzündet wurden, um ein Wiederkommen zu erschweren.

Ungefähr eine Woche dauert es dann, bis die Menschen den Weg zurück an die Grenze gefunden haben. Warum sollten sie im Camp bleiben? Bosnien ist nicht zum Bleiben, war als Zwischenstopp gedacht. Aus den erhofften Tagen werden häufig Monate, wenn nicht sogar Jahre. 15, 20, ich-weiß-nicht-mehr-wie-viele deportations. Und wieder von vorn.

„I need a tent, please. Clothes, food, phone, powerbank“. Ohne Handy geht es nicht weiter. Wer keine Ortungs-Funktion hat, kann sich nicht durch die dunklen Wälder kämpfen. Wenn es die so dringend benötigten Güter unverhofft in die Region schaffen, muss es schnell gehen. Doch die Zeit, bevor das Hab und Gut ihre*n Besitzer*in wieder wechselt, beträgt oft nur wenige Tage. Wozu die kroatische Polizei wohl Berge an Schlafsäcken, Zelten, Kleidung und Handys braucht? Was passiert mit diesen Dingen, wer handelt in wessen Auftrag und wer profitiert von diesem Spiel?

Nicht zu viel nachdenken, sondern weiter. Denn das „game“ ist die einzige Chance, aus dieser Situation zu entkommen.

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