#solidaritywithoutborders

Bild einer Grenze
Grenze(n).

Es beginnt mit der Kroatisch-Bosnischen Grenze. Auf dem Weg „hierher“ um mit People on the Move (PoM) in Bosnien solidarisch aktiv zu sein, wird die Grenze überquert, um diese es in den folgenden Wochen täglich gehen wird. Nur andersherum: Deutschland – Österreich – Slowenien – Kroatien – Bosnien. In den Tagen danach hört es sich meistens eher so an: Bosnien – Kroatien – Slowenien – Deportation. Oder: Bosnien – Kroatien – Deportation.

Diese Grenze, gegen die wir hier aktiv sind, ist immer präsent. Mal mehr, mal weniger sichtbar, ist sie wie ein Schleier, der alles umfasst. Die Möglichkeit hier zu sein, basiert auf einer Trennung in diejenigen, die einfach ein Visum bekommen und die, diejenigen, die illegalisierte Wege nehmen müssen. Diejenigen, die in den Bus steigen und diejenigen, die tagelang durch den Wald laufen müssen.

Diese Grenze ist nicht die einzige, sie überschneidet und interagiert mit anderen Trennungen. Beispielweise in denjenigen, die sich einen Monat oder mehr frei nehmen können und diejenigen, die es aus ökonomischen, politischen oder anderen Gründen nicht können. All das ist wichtig um zu verstehen, dass wir in unserer täglichen Interaktion mit PoM nicht einfach von Mensch zu Mensch reden, sondern dass all diese Ungleichheiten, Unterschiede, diese Grenzen, Kategorisierungen und Trennungen immer präsent sind, auch wenn wir sie ablegen wollen.

Getrennt.

Die Grenze teilt ein, in diejenigen, die Hilfe benötigen und diejenigen, die Hilfe geben – und sich dabei ständig selbst kritisieren, reflektieren oder schlecht fühlen, weil das Konzept von Hilfe kacke und kolonial ist, es aber irgendwie noch schlechter ist, in Deutschland zu sitzen und nichts zu tun.

Bei der Verteilung von Sachen an PoM ist diese Trennung so offensichtlich, wie selten sonst. Eine Handvoll Taschenlampen für einen Zeltplatz voller Menschen? Wer bekommt die zwei Handys?
Die rhetorische Frage „Wieso sind wir überhaupt die Personen, die das entscheiden?“ sind eigentlich zwei Fragen. Erstens: Ist es problematisch, dass eine Gruppe weißer Menschen darüber verfügt, welche PoM was bekommt und damit letztlich auch über den (Miss)erfolg von Migration verfügt? Auf jeden Fall. Zweitens: Warum sind es wir? Weil wir in Deutschland aufgewachsen sind weiß sind, vermutlich mehrheitlich nicht in prekären Umständen, sondern eher in einer Bubble leben, in der es zumindest nicht verwerflich ist, PoM zu unterstützen.

In diesem Rahmen wird diese Verteilungsfrage verhandelt – könnte man meinen. Das Verhandeln ist aber eher ein gruppeninternes Abwägen von richtig und falsch und dem Gefühl, nichts richtig machen zu können. Entscheidungsmacht abgeben – klar. Leute fragen, was sie brauchen und die Arbeit daran ausrichten – natürlich. Wenn hundert Menschen ein Handy brauchen, wir aber nur drei Stück haben, dann ist das eine beschissene Situation. Wenn ich nicht nichts machen will, dann komme ich um eine Entscheidung nicht herum. Wem ich das Handy gebe, nach welchem Prinzipien wir auswählen, prüfen, abwägen, kontrollieren, bestimmen? Ich will das nicht entscheiden, also gebe ich die Entscheidung ab PoM an, Basisdemokratie und so. Aber wer soll das bestimmen? Die Person, mit der ich immer so nett quatsche, die super Englisch spricht? Oder die Familie die mich immer zum Tee einlädt? Entscheiden wer entscheidet ist letztlich wieder eine Machtfrage. Natürlich ist sie von persönlichen Präferenzen und internalisierten Rassismen, Sexismen und mehr geprägt. Manchmal scheint es eher darum zu gehen, Verantwortung für das eigene Handeln abzugeben und nicht die Entscheidungsmacht.

Wie kann ich in diesem Kontext richtig handeln? Zuerst, glaube ich, muss ich akzeptieren, dass diese Trennung, zwischen „uns“ und „ihnen“ nicht einfach in sozialwissenschaftlicher Euphorie dekonstruiert werden kann. Denn die Ungleichheit umfasst nicht nur Sprache und Gedanken, sondern entscheidet darüber, wer in einem Zelt und wer in einem Haus schläft. Wer jederzeit nach Europe reisen kann, und wer nicht.

Verbunden.

Jede Geschichte eines Push-Backs ist immer auch die Geschichte meiner Reisefreiheit, jede Erzählung einer Deportation ist immer auch die Erzählung meiner fast endlosen Wahlfreiheit, wo ich leben möchte.

Illegalisierte Migration ist untrennbar verbunden mit der Frage, „Wie leben wir?“. Es ist kein „dort“ und kein „sie“, sondern ein „hier“ und ein „wir“. In einer Welt, in der kaum noch ein Supermarktprodukt keine Weltreise hinter sich hat, weil woanders die Arbeitskraft nochmal billiger ist, ist es schlichtweg falsch, in getrennten Räumen zu denken. In großen Teilen ist es genau diese Ungleichheit, die sowohl die Ursache für Wohlstand als auch für Migration ist. Mich selbst von den Erfahrungen an der Grenze zu entkoppeln, wäre dabei absurd.

Vor Ort zu sein, im Versuch solidarischer Praxis, beginnt mit der Einsicht, dass diese Grenzgewalt ein fundamentaler Teil Europas ist. Ich bin Teil dieser Grenze. Helfer:innen, die es nicht sein wollen, oder auch die, die es sein wollen, tendieren dazu, sich mit den PoM zu identifizieren, den Opfern europäischer Gewalt. Als europäischer Teil dieser Grenze, muss ich mir aber eingestehen, dass ich strukturell Täter und nicht Opfer bin. Ich habe in meiner Position mehr mit den kroatischen Grenzbeamt:innen gemeinsam als mit der PoM, welche rechtswidrig wieder abgeschoben wird.

Das zu akzeptieren, ist die Grundlage, um gemeinsam gegen das Grenzregime aktiv zu werden. In ihrer Trennung ist die Grenze auch eine Verbindung, in der sie selbst zum gemeinsamen Gegenüber wird, gegen das wir aktiv sind.

Oder auch nicht.

Doch am Ende ist dieser Text auch nur ein Teil ebenjener Trennung und Ungleichheit. Über meine Position nachzudenken, mich schlecht zu fühlen, mich danach besser zu fühlen, all das ist letztlich auch ein Privileg, das in existenzieller Not kaum als ein Problem wahrgenommen wird. Vielleicht ist die Auseinandersetzung mit meiner Position, dieser Text, am Ende doch nur eine Reflexionsübung, die sich um meine weißen Gefühle und Befindlichkeiten, und damit letztlich um mich selbst dreht.

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