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Frauen* und Queers auf der Flucht

Gender- und Sexualtätsbezogene Fluchtursachen und besondere Herausforderungen für Frauen* und Queers während der Flucht in die EU, sowie nach ihrem Ankommen in Deutschland: Das ist das Thema der neuen Staffel des Blindspots-Podcasts.

Krieg, Naturkatastrophen, Armut. Das sind Fluchtursachen, die potenziell alle Menschen gleichermaßen treffen könnten. Sexistische Unterdrückung, patriarchale und queerfeindliche Strukturen, Homophobie, gender- und sexualitätsspezifische Gewalt und Ausbeutung sind Fluchtursachen, die speziell Frauen*, Mädchen* und Queers betreffen. Schätzungen zur Folge sind ca. 5% aller flüchtenden Menschen weltweit aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität auf der Flucht. Etwa die Hälfte aller People on the Move sind FLINTA*.

Flucht für Freiheit und Sicherheit

„Wir dürfen das Haus nicht verlassen und nicht zur Schule gehen.“ Das berichtet Aziza (Alle Namen zum Schutz der Privatsphäre und vor Repressionen geändert) im Podcast. Die Minderjährige ist alleine aus Afghanistan geflohen, weil sie dort keine Zukunft für sich sah. „Männer sind frei in Afghanistan. Frauen nicht. Früher war das noch anders. Aber wenn du jetzt als Frau etwas ‚Falsches‘ tust, dann töten dich die Taliban, oder stecken dich ins Gefängnis“, so der Bericht der jungen Afghanin.

Hasib ist queer und kommt aus Palästina. Er berichtet im Podcast von der Unterdrückung, dem Hass und der Gewalt, die ihm aufgrund seiner sexuellen Orientierung in seiner Heimat entgegenschlug und ihn zu einer Flucht nach Europa bewegte. „Ich habe mich entschieden zu fliehen, als ich realisierte das mein Leben in Gefahr ist.“, so Hasib im Interview mit Blindspots.

Die zahlreichen gender- und sexualitätsbezogenen Fluchtursachen treten weltweit in unterschiedlicher Intensität und Ausprägung auf. Fluchtgründe von FLINTA* und queeren Schutzsuchenden sind vielfältig und divers – genau wie die Gruppe an Personen, die sich hinter diesen Begriffen verbirgt. Sie eint ihre gemeinsame Entscheidung zur Flucht vor Gewalt, Unterdrückung und Verfolgung. Sie teilen aber auch das widerständige Verhalten, das die menschenverachtenden, diskriminierenden Zustände nicht hinnehmen will. Auf der Suche nach einem sicheren, angstfreien, erfüllenden Leben nehmen sie die Strapazen einer Flucht in die EU auf sich.

Taschentücher statt Tampons

Auch während der Flucht gibt es für Frauen* und Queers zahlreiche zusätzliche Belastungen. Die hygienischen Bedingungen sind miserabel. Mehrere Frauen* haben im Interview mit Blindspots berichtet, wie beanspruchend dies vor allem während der Menstruationsblutungen ist. Oftmals gibt es kein fließendes Wasser, keine Periodenprodukte und auch keine Privatsphäre. „Wenn wir unsere Regelblutungen haben, dann gibt es keine Binden. Oft haben wir kein Wasser und auch nichts zum Essen“, so Joana im Podcast.

Die fehlender Privatsphäre und fehlende Schutzräume sind auch ein Grund dafür, dass viele queere Menschen auf der Flucht unsichtbar sind – oder eher unsichtbar gemacht werden. Aus Angst vor Diskriminierung und Gewalt verstecken sie ihre sexuelle Identität. Diese Unsichtbarmachung ist Gewalt. Eine Form von Gewalt die speziell queere Menschen trifft und ein weiterer, sexualitätsbezogener Belastungsfaktor während der Flucht sein kann.

Im Podcast wird auch thematisiert, wie Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche auf der Flucht ablaufen und wie Medical Volunteers International – eine solidarische, medizinische Hilfsorganisation, die unter anderem im Norden Bosniens und Serbiens aktiv ist – Menschen auf der Flucht in Schwangerschaftssituationen unterstützt.

Täterin EU

Die gegen alle illegalisierte Migrant:innen gerichtete Grenzgewalt und Abschottung, sowie die besonderen Strapazen für Frauen*, Mädchen* und Queers während der Flucht, sind letztendlich auf die Abschottungspolitik der EU zurückzuführen. Gäbe es keine Grenzen, oder zumindest legale Einreisemöglichkeiten wie humanitäre Visa, oder würden wenigsten Menschenrechte an den Außengrenzen der EU geachtet werden, dann gäbe es die hier beschriebenen Probleme nicht. Die Täterinnenschaft der EU muss deshalb thematisiert werden, auch weil „westliche“ Staaten für den Großteil der Fluchtursachen (mit)verantwortlich sind. Klima- und Umweltzerstörung, neokolonialen Ausbeutungsstrukturen, Waffenlieferungen und/oder politisches Versagen sind Fluchtursachen, für die die EU-Staaten maßgeblich verantwortlich sind.

Zwangsouting in der Asylanhörung

Neben diesen globalen Zusammenhängen müssen auch die lokalen rassistischen, sexistischen und queerfeindlichen Strukturen in der EU und in Deutschland kritisiert werden. Im Podcast erzählen Betroffene, wie sich das auf das Ankommen in Deutschland auswirkt.

Außerdem berichtet Barbara Wessel, Anwältin für Asyl- und Migrationsrecht mit Schwerpunkt auf Rechte queerer Menschen, wir queerfeindlich beispielsweise die Asylanhörung sein kann. Unsensible Anhörer:innen, das Fehlen von Schutzräumen, sowie der bürokratische Zwang zum Outing und Offenbarung privatester Informationen, um die eigene Schutzwürdigkeit glaubhaft machen zu können, sind einige der homophoben Strukturen, mit denen angekommene Schutzsuchende hier in Deutschland zu kämpfen haben.

Alle Podcastfolge zum Thema Frauen* und Queers auf der Flucht findet ihr auf Spotify oder Soundcloud.


*: Das Sternchen steht für alle Menschen, die sich jenseits, oder zwischen der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit einordnen und soll außerdem verdeutlichen, dass Frau* eine gesellschaftlich konstruierte Kategorie ist, die nicht mit biologischen Markern begründet wird.